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14. Juli, wir verlassen Istanbul, nicht ohne uns in der Altstadt nochmals kurz zu verfahren. Schliesslich rollen wir auf die Brücke über den Bosporus zu. Mit ihrer Überfahrung lassen wir Europa hinter uns. Asien empfängt uns gleich mit einer Überraschung. Am Ende der Brücke, nicht vorher, müssen wir eine Mautstelle passieren. Doch gibt es hier nur noch Automaten und die akzeptieren nur spezielle Chipkarten. Etwas ratlos schauen wir was andere machen. Hinter uns entwickelt sich ein Hupkonzert. Schliesslich wird es uns zu dumm und da es nur eine Ampel und keine Schranken gibt fahren wir einfach durch. Die Überwachungsanlage der Mautstelle quittiert unseren Durchbruch mit lauten Signaltönen. Ganz wohl ist mir nicht, ist doch so mancher Tourist in diesem Land schon für weniger im Knast gelandet. Trotz mehrerer Blicke in den Rückspiegel während der nächsten Kilometer kann ich aber niemanden sehen der uns an die Wäsche möchte. Langsam verschwindet das flaue Gefühl und wir geben Gas. Um den Ballungsraum von Istanbul möglichst schnell zu verlassen nutzen wir ein Stück Autobahn. Bei der Abfahrt holt uns jedoch das Pech ein. Ausgerechnet hier gibt es Schranken und es steht auch noch Personal der Autobahngesellschaft herum. Es hilft nichts, man dirigiert uns zum Parkplatz vor dem Gebäude und macht uns klar das wir einem der Mitarbeiter folgen sollen. Wir befürchten das es mindestens teuer wird.
Doch wir haben Glück. Sei es, weil die Mitarbeiter von sich aus freundlich sind oder weil wir Sie mit unserer Reiseart beeindrucken. Wir können eine dieser Maut-Chipkarten für 50 TL (ca. 23 Euro) erwerben. Auf unsere Frage, ob wir nicht drei dieser Karten benötigen erklärt man uns freundlich, wir sollten die Karte von einem zum anderen weiter geben und jeweils ein anderes Fahrzeug dazwischen lassen. Dann reicht eine Karte für uns drei.
Das man uns erklärt, wie wir das Mautsystem betrügen können, das hatten wir nun wirklich nicht erwartet. Da wir gleich bei dieser Mautstelle noch durch die Schranke müssen haben wir Gelegenheit die Karte aus zu probieren. Es funktioniert prima. Wir machen uns auf den Weg ins innere Anatoliens.

Für die nächsten 300 Kilometer fahren wir in durch eine karge Steppenlandschaft. Hinauf und hinunter stehen in einem ständigen Wechsel und wir geniessen es. Für Pfütz ist es doch sehr mühsam, bei jeden Stop sein Bike auf den Hauptständer zu wuchten. In dem kleinen Ort Mudurno mitten im Hochland fragen wir nach einer Werkstatt, Schmiede oder ähnlichen um den Seitenständer seiner Maschine richten zu lassen. Nach einigen Kommunikationsversuchen mit Eingeborenen hoffen wir eine Art Werkstatt gefunden zu haben. Während Pfütz ein paar Ecken weiter zur Werkstatt fährt, bleiben Elvis und ich im Ort und machen einen Bummel entlang der Dorfmeile. Etwa zwei Stunden später ist auch Pfütz wieder zur Stelle. Die Reparatur war etwas abenteuerlich, aber für den Rest der Tour muss es gehen.
Als wir aus dem Hochland herauskommen und an Ankara vorbei fahren, wird es schon langsam dunkel. Eigentlich wollten wir noch im hellen die Zelte aufbauen, doch finden wir keinen Platz hierfür. Wir müssen erst aus dem Ballungsraum um Ankara heraus.
Endlich liegen die besiedelten Gebiete hinter uns... und nun ist dunkel. So dunkel, das wir rechts und links der Strasse nichts sehen, auch keinen möglichen Schlafplatz. Wir kreiseln eine Weile umher, bei einer Mühle steigt Elvis ab und will sich durchfragen. Wieder lernen die Freundlichkeit der Menschen hier zu schätzen. Der Chef der Mühle persönlich, in staubiger Arbeitskleidung, bietet uns auf dem Gelände einen Platz an. In einer etwas grösseren Garage, an der noch das Tor fehlt, können wir unsere Luftmatratzen ausbreiten. Prima, so müssen wir kein Zelt aufbauen.
Wie stellen die Bikes ab und werden sofort zu Kaffee und Tee eingeladen. Als wir den Raum betreten, schauen uns noch ein paar Mitarbeiter neugierig entgegen. Wir erfahren recht bald, das diese auch irgendwie mit Bülent (der Chef) verwandt sind. Hier ist es eben noch üblich, zuerst Familienmitgliedern zu helfen. Wenig später können wir auch unseren Hunger stillen. Während wir uns mit Bülent unterhielten, hat er nebenbei Reis mit einer Art gefüllten Auberginen zubereitet. Es schmeckt und er ermuntert uns immer wieder doch bitte zuzugreifen. Auch die anderen im Raum sind neugierig und so hat Bülent (dessen englisch besser als meines ist) auch noch mit dem Übersetzen zu tun. Spät in der Nacht komme ich auf meine Schlafstatt und bin sofort eingeschlafen.

Am Morgen bekommen wir auch noch ein Frühstück. Während wir am Tisch in der Sonne sitzen und es uns gut gehen lassen beobachten wir, wie der 12jährige Neffe von Bülent seinen Vater im Auto zur Arbeit fährt. Dies hier, ist eben doch noch eine andere Welt. Solcherlei ist in Deutschland und anderen EU Staaten undenkbar.
Ein niedlicher Welpe streift schon seit einigen Minuten interessiert um unsere Bikes. Ich setze ihn in den Heckkoffer, doch das findet er gar nicht toll. Zeit das wir weiter kommen. Die Sachen sind schnell gepackt, herzlich verabschieden wir uns von unserem Gastgeber. Unser nächstes Ziel liegt in Kappadokien, eine Region in der Südtürkei die berühmt wurde durch ihre Tuffstein Formationen.

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Inzwischen ist die Wirkung des Kaffee vorüber, ich überleg mir gerade ob ich mir noch einen aus dem Speisewagen hole als Elvis einen Karton Rotwein hervor zaubert. Draussen fängt es an zu regnen und wir merken, je weiter der Zug Richtung Westen rollt um so kühler wird es. Ich schliesse das Fenster denn Temperaturen unter 30 Grad sind wir nicht mehr gewöhnt. Die Fotos die ich gerade vor mir habe, zeigen mir dagegen Felsen im hellen Sonnenlicht.

Der Ort Göreme ist der wohl bekannteste in Kappadokien. Hier ist das Zentrum des gleichnamigen Nationalpark. Es ist erst später Vormittag als wir hier eintreffen und wir halten Ausschau nach einer Unterkunft. Duschen wäre ganz schön, wir sind durchgeschwitzt und letzte Nacht bei Bülent gab es auch nur eine Quelle um die Ecke. Bei der Einfahrt in Göreme hatte ich einen Hinweis für ein Motel gesehen. Also wieder ein Stück zurück und die Einfahrt, einen Schotterweg, hinauf. Nach ein paar hundert Metern sind wir da. Eine kurze Besichtigung, Zimmer sind sauber mit DU/WC , einen grossen Pool und Internet per WiFi gibt es auch. Schnell haben wir die Bikes vor den Zimmer abgestellt, das Bad im Pool ist eine echte Wohltat.
Bis Sonnenuntergang sind noch ein paar Stunden Zeit. Wir wollen uns die Gegend ansehen und fahren ausnahmsweise ohne Motorradkombi, im Gegensatz zu den Einheimischen auf ihren Mopeds aber mit Helm.
Tausende von Kegeln, Pilzen, Kaminen, Türmchen und steinernen Ornamenten, hinter jedem Felsvorsprung tauchen neue Formen auf. Der Canyon im türkischen Hochland ist eine märchenhafte Vulkanlandschaft, in der Wind, Wasser und Kälte die Baumeister waren. Die Grenzen von Phantasie und Wirklichkeit verlieren sich, Ungewöhnliches wirkt vertraut, Verblüffendes bekannt, nackte Felsen schämen sich nicht ihrer Erotik, keusche Statisten einer Märchenkulisse. Unterschiedlich hartes Tuffgestein der verschiedenen Lavaströme vor mehreren Millionen Jahren liessen Hütchen und Dächer auf den weicheren Kegeln darunter zurück, die sich wunderbar aushöhlen liessen. Das nutzten die ersten Mönche und Nonnen Vorderasiens, die sich im vierten Jahrhundert unter der Anleitung von Bischof Basileios von Kayserei in die bizarren Formationen der Täler Kappadokiens zurückgezogen hatten. Eine unglaubliche Bautätigkeit begann, in das Tuffgestein hinein: Felsenklöster, Kirchen, Zellen, Kapellen über der Erde - und ganze Städte unter der Erde von weltweit unvergleichlichem Ausmass.
Die ersten Christengemeinschaften fanden in den Tälern bei Göreme andächtige Stille für ihr bescheidenes und autarkes Leben und Schutz vor den damals zahlreichen Feinden, seien es Perser, Römer oder Araber. Und sie verstanden, ihre Kirchen und Kapellen zu schmücken! Heute findet der Besucher in jedem Tal des Nationalparks von Göreme kostbare Schätze byzantinischer Kultur. Die nahezu vollständig erhaltenen oder restaurierten Ikonographien aus dem 7.-11. Jahrhundert können sich mit der Kunst der byzantinischen Zentren messen. An kaum einem anderen Ort ist byzantinische Kunstgeschichte so lückenlos über fast 1000 Jahre erhalten. Die älteste bekannte Kirche aus dem 4. Jahrhundert ist ein ganz schlichter Raum, nur mit einfachen Kreuzen an Decken und Wänden geschmückt. Nur dass die Natur in Kappadokien für uns ein unvergleichliches Erlebnis daraus macht: eine Reise in eine andere Welt.
Die Erosion legt filigrane Labyrinthe frei - irgendwann werden sie ganz verschwinden. Ich bin tief beeindruckt und froh dies gesehen zu haben.
Am Abend sitzen wir im Laubengang vor den Zimmern bei einem Fläschchen, es ist nun angenehm warm und nutzen die Möglichkeit mal wieder E-Mails zu schreiben.

Es ist der Morgen des 16. Juli, ich bin zeitig wach, die aufgehende Sonne scheint mir durch das Fenster genau ins Gesicht. Eine Weile drehe ich mich noch von einer auf die andere Seite und entschliesse mich dann doch aufzustehen. Mit Badehose am Leib und einem Handtuch bewaffnet gehe ich zum Pool den ich um diese Zeit noch völlig für mich alleine habe, viele Gäste hat das Motel eh nicht. Mit einem Sprung ins Nass beginne ich den Tag.
Auf dem Weg ins Zimmer wecke ich meine zwei Mitstreiter zum Frühstück. Dann das übliche, wie passt nur alles wieder in die Koffer, aber bald sind wir auf dem Weg Richtung syrische Grenze.
Unser Ziel ist ein weiteres beeindruckendes Bauwerk der frühen Christen - die Unterwelt Kappadokiens. Auch hier ausgehöhlter Tuffstein, enge Gänge, Mühlsteine zum Verbarrikadieren, Schlafräume eng wie Schiffskojen. Derinkuyu ist eine von 200 unterirdischen Städten rund um Göreme. Ihre Ursprünge gehen auf das 2. Jahrtausend vor Christus zurück. Später boten sie auch den Christengemeinden Schutz. Ein öffentlicher Platz vor der Gebetshalle, sieben Stockwerke unter Tage - ein Pranger. Verstösse gegen das Zusammenleben bei Gefahr wurden öffentlich bestraft - zur Abschreckung. Die Stadt Derinkuyu: 55 Meter tief, 18 Etagen, mit Platz für bis zu 10.000 Menschen. Eine Stadt der frühen Superlative, auch heute noch gewaltig. Unter und über der Erde: ungewöhnliche Städte und Dörfer wohin das Auge reicht. Sehr treffend finde ich hierzu folgendes Zitat: "Wer die Vergangenheit nicht ehrt, verliert die Zukunft. Wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen."
(Friedensreich Hundertwasser)
Wir fahren weiter Richtung Syrische Grenze. Doch zuvor kommt noch einer der (für mich) schönsten Streckenabschnitte unserer Reise.

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Der Zug steht mal wieder. Es ist abzusehen das wir es kaum bis morgen früh nach Villach schaffen werden. Ich erkundige mich bei einem der Zugbegleiter. Voraussichtlich kommen wir mit 3 Stunden Verspätung an. Das wäre statt 7 Uhr also gegen 10 Uhr. Halb so schlimm, da können wir wenigstens noch ausschlafen.

Für Elvis und Pfütz war der kommende Abschnitt neben sehr schön auch sicher sehr anstrengend. Einige Kilometer südlich von Derinkuyu beginnt der Taurus. Eine der urwüchsigsten Regionen der Türkei. Gibt es am Fusse des Gebirges noch kleinere Städte, so finden sich weiter im inneren nur noch kleine Dörfer und Siedlungen, die dort scheinbar schon seit mehr als 1000 Jahren stehen. Eselkarren sind hier das Hauptverkehrsmittel. Über schmale Schotterwege, welche die Bezeichnung Strasse wirklich nicht verdient haben, tauchen wir ein in eine Welt Jenseits unserer bisherigen Vorstellungen. Wir sehen bewohnte Hütten in welchen bei uns zu Hause kein Bauer seine Tiere halten würde. In einem Dorf sehe ich am Strassenrand eine Art Carport (Dach aber keine Wände) über den Abhang gebaut, nur das hier statt einem Auto ein Barbierstuhl steht, es ist der örtliche Friseur. Ein wenig betrübt von soviel Armut mache ich mir Gedanken wie Menschen in diesen Hütten, die hier oben strengen Winter überstehen. Immerhin sind wir fast ständig auf etwa 1000m Höhe und manchmal noch weit darüber. Die Landschaft ist atemberaubend schön, aber karg. Von was leben die Menschen hier oben? Als wir mal wieder in eines der Täler hinunter fahren, lernen wir einen der wenigen grossen Arbeitgeber kennen.
Wir fahren bergab und ich wundere mich über die breiter werdende Piste. Plötzlich kommen uns schwere Kipplaster entgegen, wie sie beim Tagebau eingesetzt werden. Vor uns weitet sich das Tal und der Himmel sieht sehr dunkel aus. Ein Donnergrollen rollt durch das Tal. Upps, die Regensachen sind alle tief verpackt. Es wäre eine echte Herausforderung, diese jetzt hervor zu kramen. Immer wieder können wir zwischen den Bäumen hindurch auf der Talsohle rege Bautätigkeit beobachten. Und darüber tief schwarze Wolken.
Kurz bevor wir die Talsohle erreichen öffnet der Himmel seine Schleusen, es regnet nicht, es schüttet. Ich sehe am Wegesrand einen Unterstand mit Bänken und Tischen und daran Arbeiter die neugierig ihre Blicke zu mir wenden. Kurzerhand fahre ich heran, Seitenständer raus, Zündung aus und mit einem Sprung bin ich unter dem Dach. Einige der Arbeiter lachen und machen wohl ihre Witze auf meine Kosten, es sei ihnen gegönnt. Pfütz und Elvis sind auf den letzten Metern etwas zurück gefallen und sehen nun meine Maschine stehen. Ich deute Ihnen, schnell unter das Dach zu kommen. Innerhalb von Minuten rauschen wahre Sturzbäche die Wege hinab, nehmen mit was nicht die Grösse von jungen Felsen hat. Fahren wäre nun sowieso nicht mehr möglich gewesen.
Freundlich bietet uns ein älterer Mann Plätze an einem der Tische an. Gern nehmen wir an. Dies hier muss so etwas wie eine Kantine oder Pausenversorgung für die Arbeiter sein. Der Wirt (ich nenne ihn mal so) bietet uns auch einen Platz in seiner Hütte an. Ich schaue hinein und bekomme fast keine Luft mehr, der Raum ist total überheizt. Wir bleiben lieber draussen am Tisch. Schnell sind wir Mittelpunkt der Schar, bekommen heissen Tee angeboten, den ich dankbar annehme. Trotz der Verständigungsprobleme kam ein Gespräch in Gang. Woher, wohin, usw. Nach ca. 40 min setzt der Regen aus und wir konnten weiter fahren. Die Piste führte uns aus dem Tal wieder in luftige Höhen, natürlich weiterhin ohne Asphalt, und wieder konnten wir den Blick über diese fast unberührte Bergwelt gleiten lassen. Die Stecke schlängelte sich immer entlang der Berghänge und manchmal sehen wir den Weg auf der anderen Talseite und brauchen doch mehr als 20 min dorthin. So reihte sich Kilometer an Kilometer und irgendwann meinte Elvis, seine Reservelampe leuchte seit einiger Zeit bereits penetrant. Aber es blieb sowieso  nichts anderes, als zu schauen wie weit er noch kommt. Nach 170 km offroad durch den Taurus erreichten wir wieder Zivilisation. Der erste Halt im nächsten Ort galt unserem Wohlbefinden und war ein Dönerstand mit Sitzmöglichkeit. Anschliessend belagerten wir eine Tankstelle. Satt, nicht mehr durstig und vollgetankt schauen wir nach einem Platz zum Aufbauen unserer Zelte. An einem See fanden wir eine Zufahrt zum Ufer und ein nettes Plätzchen. Schnell standen die Zelte und wir genossen ein erfrischendes Bad.

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